Überwachung

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Natürlich ist es verboten. Trotzdem habe ich es getan. Immer und immer wieder. Ich saß in einem Restaurant am Hafen, draußen auf einer Gasse, und versündigte mich. Die Menschen drängten vorbei, es wurde enger und enger, die Gerüche nach gegrilltem Fisch, Parfums und Tabak wurden intensiver, während ich meinen Rosé trank (Rioja-Rosé, schon das eine Sünde).

Derweil hatte ich sie auf meinem Schoß liegen. Ich tat so, als sei nichts, ich redete mit meiner Frau, schimpfte mit meinen kleckernden Söhnen, orderte Fanta und Eis, und doch verfolgte ich (vollkommen unbemerkt) mein sündiges Tun mit der größten Akribie. Alle zwei Minuten drückte ich ab. Ich sah sie nicht einmal, meine Opfer, aber ich wusste, dass ich sie traf. Weiterlesen »

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Busfahren kann sehr unheimlich sein, jedenfalls für Kinder. Als ich kürzlich mit meinem Achtjährigen mit dem 5er in die Innenstadt fahren wollte, zog sich mein Sohn eine Ein-Euro-Kinderkarte aus dem Automaten, setzte sich neben mich in die letzte Reihe und starrte schließlich sichtlich irritiert auf das Busticket. Dann drehte er sich mit für einen Achtjährigen extrem zerfurchter Stirn zu mir und fragte: „Papa, woher wissen die eigentlich, dass ich in der zweiten Klasse bin?“

Man soll seine Kinder nicht auslachen, wollte ich auch nicht, ehrlich, aber trotzdem konnte ich nicht an mich halten. Ich erklärte ihm, dass auf seiner Karte nicht „2. Klasse“ stand, weil er gerade im zweiten Schuljahr ist, sondern weil es auch Schnellbusse und früher einmal auch in Hamburg Erste-Klasse-Abteile gab, die ziemlich schick waren und für die man teurere Karten kaufen musste. Die Vorstellung, der Hamburger Verkehrsverbund HVV kenne seine Kunden durch und durch (womöglich mit Hilfe von Google, Apple und all diesen Überwachungskameras), beschäftigte uns dann noch eine Weile, während der 5er durch die Löcher in der Hoheluftchaussee rumpelte.

„Schulklasse, Haarfarbe, Beruf, vielleicht sogar welche Laune wir gerade haben, die wissen alles über uns“, sagte ich. „Deswegen hast Du Glück, dass auf Deiner Karte nur 2. Klasse stand, beim nächsten Mal steht vielleicht Turnbeutelvergesser drauf.“ Weiterlesen »

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Natürlich ist es verboten. Trotzdem habe ich es getan. Immer und immer wieder. Mit wachsender Lust. Ich saß in einem Restaurant in einer engen Gasse einer maurisch geprägten Stadt, in der man weiß, was Sommer ist und wie sich das Wetter in dieser Jahreszeit aufzuführen hat. Und ich versündigte mich. Die Menschen strömten vorbei, es wurde mit der Zeit immer enger und enger in der Gasse, man begann sich zu drängeln, an meinem Tischchen vorbei, die Gerüche nach gegrilltem Fisch, Parfums und Tabak wurden intensiver, und ich hörte alle Sprachen, solche, die ich kannte, und einige, die ich nie gehört hatte, und ich sah verstohlen nach all diesen Menschen, den Dicken und Dünnen, den hübschen Frauen und denen, die allein durch ihre Absonderlichkeit interessant wurden, ich lauschte den Lauten und den Flüsterern, während ich meinen Rosé trank (Rioja-Rosé, vielleicht war das schon eine Sünde).

Derweil hatte ich sie auf meinem Schoß liegen. Ich tat so, als sei nichts, gar nichts, ich redete nebenher mit meiner Frau, schimpfte mit meinen unentwegt kleckernden Söhnen, orderte allenthalben mehr Fanta oder Obst und Eis und Wein und doch verfolgte ich (vollkommen unbemerkt) mein sündiges Tun mit der größten Akribie. Alle zwei Minuten drückte ich ab. Ich sah sie nicht einmal, meine Opfer, aber ich wusste, dass ich sie traf. Während sie nichts davon merkten, klickte meine Nikon alle 120 Sekunden. Ich legte Wert auf diesen exakten Abstand. Ich weiß nicht warum. Es war ein Experiment. Oder Konzept-Kunst. So oder so: Es ging um Exaktheit. Egal ob Wissenschaft oder Kunst.  So etwas ist kein Spiel.

Mehr als 70 Fotos – und zwei Hände unter dünnen T-Shirts

Später, im Hotel, machte ich mich an die Auswertung. Wir hatten etwa zweieinhalb Stunden in dem kleinen Restaurant gesessen. Mehr als 70 Fotos hatte ich gemacht. Weiterlesen »

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