Kinder

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Manchmal überschlagen sich die Ereignisse im Leben. Gestern wusste ich noch nicht, was das sein soll, und heute bin ich schon anderthalbseitig ertaubt durch eine Vuvuzela. Ich habe meine Frau früher schon gelegentlich nicht verstanden, aber jetzt höre ich sie auch nicht mehr. Deswegen weiß ich auch nicht, was Sie auf meine Frage antwortete: „Warum im Namen aller kriegslüsternen Xhosa- und Zulu-Götter hast Du diese schwarzrotgelben Plastiktröten Zuhause eingeschleppt? Ich habe nur ein Trommelfell je Seite, und ich brauche sie beide noch ein paar Jahre.“

Meine Frau hat mit ihrem süßesten Unschuldslächeln irgendetwas geantwortet, aber ich bin noch nicht lange genug hörbehindert, um Lippen zu lesen. Sie hat mir dann auf eine aus dem Kinderzimmer gemopste Zaubertafel geschrieben: „Ich wollte Euch eine Freude machen!“ Wie rührend. Ich hätte beinahe geweint, allerdings hatte der Schallschock der WM-Tröten meine Tränenkanäle verödet.

Lassen Sie sich mein Schicksal bitte eine Warnung sein: Händigen Sie Ihren Söhnen niemals Spiel- oder sonstwas für Zeug aus, das sie nicht vorher auf seine Gefährlichkeit getestet haben – schon gar nicht in WM-Zeiten, in denen vor allem männliche Wesen grenzblöde mit allem lärmen, das in Primatenarmweite verfügbar ist. Meine Söhne haben mit den Killertröten sofort Dezibeliade gespielt. Auch meine Schuld, natürlich, da hat Al Bundy Recht: Wer einem Schimpansen eine geladene Knarre reicht, soll sich nicht beschweren, wenn auf ihn geschossen wird. Weiterlesen »

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Busfahren kann sehr unheimlich sein, jedenfalls für Kinder. Als ich kürzlich mit meinem Achtjährigen mit dem 5er in die Innenstadt fahren wollte, zog sich mein Sohn eine Ein-Euro-Kinderkarte aus dem Automaten, setzte sich neben mich in die letzte Reihe und starrte schließlich sichtlich irritiert auf das Busticket. Dann drehte er sich mit für einen Achtjährigen extrem zerfurchter Stirn zu mir und fragte: „Papa, woher wissen die eigentlich, dass ich in der zweiten Klasse bin?“

Man soll seine Kinder nicht auslachen, wollte ich auch nicht, ehrlich, aber trotzdem konnte ich nicht an mich halten. Ich erklärte ihm, dass auf seiner Karte nicht „2. Klasse“ stand, weil er gerade im zweiten Schuljahr ist, sondern weil es auch Schnellbusse und früher einmal auch in Hamburg Erste-Klasse-Abteile gab, die ziemlich schick waren und für die man teurere Karten kaufen musste. Die Vorstellung, der Hamburger Verkehrsverbund HVV kenne seine Kunden durch und durch (womöglich mit Hilfe von Google, Apple und all diesen Überwachungskameras), beschäftigte uns dann noch eine Weile, während der 5er durch die Löcher in der Hoheluftchaussee rumpelte.

„Schulklasse, Haarfarbe, Beruf, vielleicht sogar welche Laune wir gerade haben, die wissen alles über uns“, sagte ich. „Deswegen hast Du Glück, dass auf Deiner Karte nur 2. Klasse stand, beim nächsten Mal steht vielleicht Turnbeutelvergesser drauf.“ Weiterlesen »

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Es gibt Tage, da liegt einfach alles herum. Gestern Morgen bin ich barfuß in eine Horde Piraten getreten, die mir vor dem Hemdenschrank auflauerte (einer büßte mit einem ausgekugelten Plastikarm). Vorher hatte ich bereits mehrere Hände voller Schwerter und Armbrüste von der vorabendlichen Seeschlacht der bei mir wohnenden Freibeuter aus der Wanne geräumt, um halbwegs unverletzt eine Dusche zu nehmen. Ein paar Meter vor der Haustür übersprang ich nur knapp die Hinterlassenschaft des benachbarten Mops-Pudels, dessen Herrchen stets freundlich grüßt, während seine Milka mit krauser Stirn auf den Gehweg stoffwechselt. An der Hauptstraße wehte mir der Aschewind eine leere Bierdose entgegen. Und beim Arzt (reine Routinesache) lag schließlich eine vom Glastisch gerutschte Zeitschrift direkt auf meinem Weg zum letzten freien Stuhl.

Ich gehöre nicht zu den Zwangsneurotikern, die ihre Stifte im rechten Winkel auf dem Schreibtisch anordnen (nur schief geschnittener Käse stürzt mich in schwere Krisen). Dennoch spürte ich, während ich im Wartezimmer saß, eine unbändige Sehnsucht nach Ordnung. Ich malte mir aus, wie ordentlich es auf diesem Planeten aussehen könnte, wenn die Erdanziehungskraft sich schlagartig in eine Erdabstoßungskraft verkehren würde. Weiterlesen »

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In einer Serie stellen WELT-Mitarbeiter ihren Lieblingsort in Hamburg vor – erzählen Persönliches, Skurriles und Überraschendes. Teil 16 widmet Jens Meyer-Wellmann einer Bank an der Alster.

Natürlich: Früher war das Gras grüner, der Kohl fetter, und öffentliche Sitzmöbel im Freien sind auch nicht mehr, was sie einmal waren. Das gilt besonders für eine Bank an meinem Lieblingsort, einem kleinen Landvorsprung am Alsterufer der Schönen Aussicht, etwa hundert Meter neben dem Café „Hansa-Steg“. Damals, weit zurück im letzten Jahrtausend, stand dort, wenn mich meine Erinnerung nicht behumpst, eine alte, mit eingeritzten Herzchen übersäte Sitzbank, kaum einen Meter entfernt vom Wasser. Sie duckte sich hinter ein hohes wildgrünes Gestrüpp, dessen sich noch kein Großstadtgärtner angenommen hatte, sodass, wer hier Platz nahm, von der Straße in seinem Rücken aus nicht zu sehen war. Vorne das Wasser, jenseits davon die leuchtende Stadt und ringsherum nichts als wildes Grün.

Früher schützte hohes Gestrüpp die Geheimnisse dieses Ortes, der Bank an der Schönen Aussicht. Foto: Bertold Fabricius - www.pressebild.de

Früher schützte hohes Gestrüpp die Geheimnisse dieses Ortes, der Bank an der Schönen Aussicht.

Bisweilen tranken Obdachlose hier ungestört ihren Fusel und ließen, während sie über das Glück des offenen Himmels philosophierten, den Blick über das Panorama ihrer Stadt gleiten: links die Kirchen, das Rathaus, mittig die Brücken, dann das herausragende Hotel und der schlanke Fernsehturm.

Wer auf meiner Bank saß, der saß zugleich mitten in der Großstadt und in größter Abgeschiedenheit. Die Geräusche der Autos, Busse und Bahnen, die nach Sonnenuntergang als rote und weiße Punkte über die Kennedy- und Lombardsbrücke schwebten, drangen höchstens als sanftes Gemurmel über die Alster und wurden allenthalben vom Plätschern des Wassers oder dem Quaken rabiater Erpel übertönt.

Ein guter Ort, um ein Kind zu zeugen

Natürlich war dies ein Ort, den man, wenn man sich nicht gerade tiefsinnige Gedanken zu machen gedachte, nicht unbedingt allein aufsuchte. Meine Bank war eine Bank, die (wie fast jede Bank) nach mehr als einem Menschen verlangte, nach einer Gemeinschaft, einem Paar, nach Liebe. Und so kam es, dass ich hier, mit Blick auf die Türme der schlafenden Hansestadt Weiterlesen »

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Lange habe ich gedacht, ich sei sicher. Jedenfalls in meiner Wohnung. Wo sonst soll der Mensch sich beschützt wähnen, wenn nicht unter der eigenen Neubaudecke? Dann aber machte sich etwas Böses breit in meiner Bude. Es war die dunkle Seite der Macht, die Besitz nahm von den Lokstedter Quadratmetern. Das Böse war rot und kam in länglicher Form über mich, als Schwert um genau zu sein, als Laserschwert in gräulicher Halterung, und es gab zischende Geräusche von sich. Und dann kam er aus dem Kinderzimmer: Darth Vader, das furchterregend durch eine schwarze Maske röchelnde Wesen aus “Krieg der Sterne”, das Fleisch gewordene Zentrum des Bösen.

Wenn ich Nachbarskinder mit Darth-Vader-Masken herumlaufen sah, war mir bisher immer klar, dass deren Eltern Versager waren. Erziehungsversager. Meine Söhne würden Musikinstrumente spielen, Sport treiben und ausgewählte Kinderbücher lesen. Wenig später gelangte das erste Schwert in die Wohnung, das zweite, die Maske. Schließlich einer der Filme und alsbald die nächtliche Angst meiner kleinen Klonkrieger vor dunklen Viechern von hinter Alpha Centauri.

Am Ende half nur Kika. Der Kinderkanal sendet neuerdings eine Serie mit dem Titel “Darth Vader privat”. Darin kann man dem maskierten Miesfiesling zusehen, wie er unbeholfen Rock ‘n’ Roll tanzt oder weint, weil er noch nicht in den Stimmbruch gekommen ist. Geheilt vom Laserwahn und der Angst vor schwarzen Mächten aber wurden meine Söhne durch eine andere Folge: Weiterlesen »

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