Hypochondrie

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Sorry, ich habe in dieser Woche einen restlos ausgeweideten Mann und viele gelbe Füße von länger oder kürzer Toten gesehen, deswegen bin ich nicht zum Scherzen aufgelegt. Man hört ja immer wieder, dass selbst Kriegsreporter in der Gerichtsmedizin in Ohnmacht fallen. Das ist mir nicht passiert, aber als ich später mit dem Fahrrad durch Hamburg fuhr, sah ich in all den sonnenbeschienen Gesichtern, selbst unter den roten Wangen junger Frauen, das müde Gelb des Todes hervorleuchten. Dabei ging mir pausenlos Goethes „Kaum einen Hauch, bald ruhest Du auch“ durch den Kopf.

Es heißt ja, allein das Wissen um unseren Tod mache uns zu kulturellen Wesen, zu Dichtern, Malern oder Musikern, weil wir alle unentwegt um Ewigkeit rängen und Großes erschaffen wollten, das uns und das Ende der Zeit überdauern solle. Mag sein, aber das nützt mir nichts, nicht einmal den Künstlern nützt es. Er werde später in den Herzen der Amerikaner weiterleben, hat einmal ein Journalist zu Woody Allen gesagt. „Entschuldigung“, fragte der zurück, „könnte ich auch in meinem Appartement weiterleben?“

Glücklicherweise gibt es ja die Medizin. Da kann man sich der Hoffnung hingeben, der Tod sei irgendwann womöglich heilbar. Bis dahin heilen wir Krankheiten, und wenn wir auch da nicht weiterkommen, erfinden wir neue, heilbare Krankheiten, um uns zu beweisen, dass wir das Bedrohliche besiegen können. Kürzlich las ich, dass es eine neue Gegenkrankheit zur Hyperaktivität gibt, die sich “selektiver Mutismus” nennt. Diese furchtbare Erkrankung führt laut Wikipedia dazu, dass ein Mensch „in bestimmten Situationen schweigt“. Leider kenne ich zu viele Leute die nicht an dieser Krankheit leiden. Weiterlesen »

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Es gibt Tage, da liegt einfach alles herum. Gestern Morgen bin ich barfuß in eine Horde Piraten getreten, die mir vor dem Hemdenschrank auflauerte (einer büßte mit einem ausgekugelten Plastikarm). Vorher hatte ich bereits mehrere Hände voller Schwerter und Armbrüste von der vorabendlichen Seeschlacht der bei mir wohnenden Freibeuter aus der Wanne geräumt, um halbwegs unverletzt eine Dusche zu nehmen. Ein paar Meter vor der Haustür übersprang ich nur knapp die Hinterlassenschaft des benachbarten Mops-Pudels, dessen Herrchen stets freundlich grüßt, während seine Milka mit krauser Stirn auf den Gehweg stoffwechselt. An der Hauptstraße wehte mir der Aschewind eine leere Bierdose entgegen. Und beim Arzt (reine Routinesache) lag schließlich eine vom Glastisch gerutschte Zeitschrift direkt auf meinem Weg zum letzten freien Stuhl.

Ich gehöre nicht zu den Zwangsneurotikern, die ihre Stifte im rechten Winkel auf dem Schreibtisch anordnen (nur schief geschnittener Käse stürzt mich in schwere Krisen). Dennoch spürte ich, während ich im Wartezimmer saß, eine unbändige Sehnsucht nach Ordnung. Ich malte mir aus, wie ordentlich es auf diesem Planeten aussehen könnte, wenn die Erdanziehungskraft sich schlagartig in eine Erdabstoßungskraft verkehren würde. Weiterlesen »

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Adjuvanzien

Ich weiß, man soll keine Witze mit Namen machen, aber vor ein paar Tagen saß ich neben einer Frau Kunststoff. Allerdings wusste ich erst, dass sie Kunststoff hieß, als sie aufgerufen wurde von einer quäkenden Stimme, die sie zur Impfung hereinbat: “Frau Kunststoff bitte.”

Schweinegrippe natürlich. Ich hatte die Spritze schon hinter mir und saß nur noch im Wartezimmer, um abzuwarten, ob ich sterben würde. Oder besser, in der leisen Hoffnung, die Impfung zu überleben. Für den Fall eines durch Virenbröckchen oder Adjuvanzien ausgelösten anaphylaktischen oder wasweißichwas für eines Schocks wollte ich in Arztnähe sein.

Ich sah also auf Frau Kunststoffs geraden Rücken und fragte mich, wie diese anziehende Person zu so einem Namen gekommen war. Als sie um die Ecke bog, warf ich einen Blick auf ihren Mund und ihre Oberweite, entdeckte aber weder hier noch dort irgendwelche abnormen Formen, die auf Silikon schließen ließen. Eine Panikattacke bekam ich, als Frau Kunststoff wieder aus der Tür heraustrat, mich schelmisch anlächelte und kurz darauf die androgyne Stimme durch die Tür schnarrte: “Herr Eisbein bitte.”

In diesem Moment wusste ich, dass ich sehr krank war. Weiterlesen »

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Keine Ahnung, wie es Ihnen geht, vielleicht bin ich auch einfach ein zu distanzierter Typ. Aber ich mag Politiker nicht anfassen. Auch im Wahlkampf nicht. Obwohl die Damen und Herren ja jetzt erhöhten Wert darauf legen, angefasst zu werden. “Politik zum Anfassen” verspricht mir zum Beispiel der Hamburger SPD-Bundestagsabgeordnete Johannes Kahrs auf seinen Plakaten rund um die Alster. Auch seinen Genossen Markus Schreiber, den Herrn Bezirksamtsleiter, will er zum Anfassen zu seinen Bürgersprechstunden und Stammtischen mitbringen. Ich geh zu so was nicht hin.

Im ehrwürdigen Rathaus werden bei Tagen der offenen Tür seit Jahren “Politiker zum Anfassen” angeboten – aus allen Parteien selbstverständlich, auch beim Körperkontakt muss schließlich der Proporz gewahrt bleiben. Wenn es wenigstens dabei bliebe. Aber nein. Neben Politikern bietet man uns überall Popstars, Fußballer, Wissenschaftler zum Anfassen.

Ich kann Sie nur warnen. Machen Sie das nicht mit! Auch aus medizinischer Sicht. Ich bin zwar kein Arzt, aber als Hypochonder ist man im Grunde besser informiert als all diese Kittelträger unter Gottes bewölktem Himmel zusammen. Weiterlesen »

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