Seit ich Kinder habe, gibt es kein Thema, das mir stärker auf die Nerven geht als die Gerechtigkeit. Das liegt vielleicht daran, dass der erste grammatikalisch perfekte Satz meines jüngeren Sohnes „Papa, das ist unge-echt“ lautete. Natürlich wusste er nicht, was er sagte, aber er sagte es im Ton höchster Empörung, den er sich bei seinem großen Bruder abgelauscht hatte. Keine Ahnung, ob es darum ging, dass er einen Keks mehr wollte oder ein Stück Schokolade. Von Gerechtigkeit reden meist diejenigen, die mehr haben wollen, nicht die, die ihren Brüdern dringend etwas abzugeben wünschen.
Wenn man zwei Söhne hat, geht es (außer um Darth Vader) ausschließlich um Gerechtigkeit. Paul hat eine Minute länger vorne gesessen. Max hatte mehr Streusel auf dem Kuchen. Wieso durfte Paul fünf Bücher aus der Bücherhalle ausleihen und ich nur vier? Warum ist Max auf drei Geburtstagen eingeladen, ich nur auf zwei?
Ohne die Gnade ihrer späten Geburt hätte ich meinen Jungs längst nahegelegt: „Geht doch nach drüben, da ist es vollkommen ge-echt, da haben alle nichts und wohnen hinter derselben grauen Mauer.“ Manchmal bin ich kurz davor, eine Westerwelle-Leistung-muss-sich-lohnen-Rede zu halten. Stattdessen versuche ich Weiterlesen »


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