Glosse

Alle Beiträge aus Glosse.

Das erste Noten-Zeugnis meines Sohnes hat mir keine Sorgen bereitet. Was danach kam, schon.

Ich weiß, man soll seine Kinder nicht anlügen, aber man muss ihnen auch nicht alles erzählen. Außerdem ist es schon ein paar Sommer her, dass ich die dritte Klasse besucht habe, da muss ich mich wohl nicht an alle Noten erinnern – auch wenn mein Sohn Max das jetzt gern gehabt hätte. Er hat ein erschütternd gutes Zeugnis bekommen, sein erstes mit Noten. Prompt will er sich mit mir messen und fragt, ob ich auch soundso viel Einsen hatte, dabei liegt mir Angeberei nur ausnahmsweise.

„Klar“, sage ich betont cool. „Mindestens so viele. Eher mehr.“
„Zeig mal dein Zeugnis aus der dritten Klasse.“
„Hab ich weggeschmissen.“
„Papa, seit wann schmeißt man denn Zeugnisse weg?“
„Ich hatte so viele Eins-A-Zeugnisse im Leben, die passten einfach nicht mehr in die Umzugskisten.“
„Schon klar, Papa.“

Als wenn es nicht reichen würde, dass ich beim Fußball hin und wieder noch gewinne. Oder beim Pokern um sein Taschengeld. Muss ich meine Autorität jetzt aus meinen Grundschulnoten beziehen? Metaphysisch betrachtet sind Noten doch völlig unwichtig. Es kommt auf andere Werte an: Güte und Friedfertigkeit, meinetwegen. Doch nicht auf Noten!

Zur Belohnung für sein Zeugnis hat meine Frau dem Nachwuchs-Einstein eine Waffe gekauft Weiterlesen »

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Es gibt zu viele Angstmacher. Deswegen konzentrieren wir uns auf eine Panik zur Zeit.

Ich gebe zu, ich gehöre nicht zu den Abwieglern. Egal, ob es um Salatgurken oder Terroristen geht, ich neige zur Vorsicht. Man streitet ja auch in Hamburg gerne darüber, ob der Deutsche an sich ein Hysteriker ist, der nach jedem kleinen Unfall ganze Technologien aufgibt und wegen ein bisschen Durchfall nie wieder Gemüse isst (sondern lieber an Vitaminmangel stirbt). Wir haben in der Redaktion diskutiert, wie wir mit der EHEC-Krise zu verfahren hätten und ob die Deutschen unter einer kollektiven Angststörung leiden. Einige Kollegen warnten vor Panikmache und betonten, jede Grippewelle töte mehr Menschen als EHEC.

Als Fukushima explodiert war, flog ich für ein paar Tage mit meinem Sohn nach London. Wir wohnten in einem kleinen Hotel, in dem man nur BBC sehen konnte, und ich bekam schnell den Eindruck, dass die Deutschen Weiterlesen »

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Ein harmonisches Familienleben bedarf vor allem einer guten Organisation. Möglicherweise gibt es jetzt eine Formel dafür. Falls die nicht funktionieren sollte, empfehlen wir ein Lied.

Gesetzt den Fall, Sie haben ein bis viele Kinder, und beide Eltern arbeiten, dann wissen Sie, dass Sie genau zwei Dinge zum Überleben brauchen: eine perfekte Organisation – und tiefste Gelassenheit angesichts der Erkenntnis, dass das Chaos am Ende immer siegt. Vielleicht hilft es ein wenig, seine Nachkommen durchzunummerieren, wie es ein Facebook-Freund tut, der seine Kinder jetzt K1, K2 und K3 nennt. Er behauptet zwar, er wolle bloß ihre Namen im Internet schützen, aber es steckt sicher etwas anderes dahinter: Er hat eine Formel gefunden, mit der er das Leben perfekt organisiert. Und in Formeln heißen Variablen nicht Max oder Sarah, sondern X oder K. Seine Frau nennt er vermutlich F, wobei ich nicht weiß, ob eine Nummernbeifügung in diesem Fall nötig ist, er kommt aus Altona und nicht aus Abbottabad.

Der dort kürzlich verstorbene Osama brauchte sicher F-Nummern, auch wenn ich wegen der verwirrenden Nachrichten nicht begreife, welche seiner Frauen ihn verriet und welche die Soldaten mit einem Schuh angriff oder was nun. Auch weiß ich nicht, wie ich die Schlagzeile „Unbewaffneter Bin Laden wehrte sich gegen Soldaten“ deuten soll. Vermutlich zeigte er dem Spezialkommando einen gefährlichen Stinkefinger oder bewarf es mit der zerknüllten Burka der Verräterin. Weiterlesen »

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Es ist unhanseatisch, U-Bahn zu fahren. Lieber brüten wir Hamburger auf beheizten Ledersitzen im Stau.

Ich nehme an, es stand bei meiner Oma selig im Bad, irgendwo in meiner Kindheit machte ich jedenfalls Bekanntschaft mit einem Mittel namens Agiolax, und genau das ist es, was ich in diesen Tagen der Stadt verabreichen möchte. Hamburg hat Verstopfung, vielleicht hilft diese seltsame Mischung aus Sennesfrüchten und Flohsamen. Das, was sich knäult und krampft und staut in den Innereien unserer Metropole, muss schleunigst verflüssigt und hinausgeleitet werden, andernfalls platzt Hamburg, oder es platzen all die Autofahrer, die sich dieser Tage vor Gram beim stumpfen Im-Stau-Stehen dritte Löcher in die Nasen bohren. Weiterlesen »

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Es ist Zeit, Waschräume in den U-Bahn-Wagen einzuführen. Rasierspiegel wären auch prima.

Alles immer zack, zack, keine Zeit für Muße, also multitasken wir uns durch den Tag. Auch diese Kolumne befasst sich zwecks Zeitersparnis mit allem gleichzeitig: Glatzenbildung, Lippenstift, Bürgermeister und Nahverkehr.

Fangen wir irgendwo an und stellen uns eine junge Frau vor, sagen wir 22, mit langen blonden, aber ungekämmten Haaren, einem hübschen ungewaschenen Gesicht nebst vollen, aber trockenen Lippen. Diese Frau taucht neuerdings jeden Morgen neben mir in der U-Bahn auf und nutzt die Fahrt von irgendwo im Norden bis in die Innenstadt, um sich von einem verschlafenen Mädchen in einen Vamp zu verwandeln. Die Metamorphose beansprucht etwa zehn Stationen und beginnt mit Weiterlesen »

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Lasst Euch nicht blenden! Am Ende kann nur eine Partei halten, was sie im Hamburger Wahlkampf verspricht.

Bisher habe ich immer gedacht, die Linke träte für die Rechte der Schwachen ein, aber jetzt fordern die auf ihren Wahlplakaten allen Ernstes die Abschaffung von Hartz IV. Ja, liebe Linke, wovon sollen die Arbeitslosen denn dann leben? Sollen sie vielleicht auf der Mö betteln gehen, während Euer Vorsitzender mit dem Porsche hinauf zu seiner feinen Almhütte brettert? Oder ist das eine perfide politische Strategie, um die Verelendung zu beschleunigen und die Revolution zu forcieren? Womöglich einer der Wege zum Kommunismus, die Eure andere Vorsitzende alle ausprobieren will?

Aber in Wahrheit verstehe ich viele Plakate nicht. Die grüne Spitzenfrau Anja Hajduk etwa bietet sich als Mathelehrerin an: „Mit mir kann Hamburg rechnen.” Dabei konnte sie als Stadtentwicklungssenatorin jahrelang nicht sagen, was ihre geliebte Stadtbahn kosten würde, weil es Weiterlesen »

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Erst im Rückblick wird sich klären, warum mein Neffe immer dieses komische Wort sagt.

Man kann ein Leben nur rückwärts verstehen, hat der Philosoph Kierkegaard festgestellt, und trotzdem kann man es nur vorwärts leben. An diesem Punkt wird die Erzählung geboren, die Literatur, in der alles von einem abgeschlossenen Standpunkt, vom Ende aus betrachtet, einen Sinn bekommt und der Held wie der Schurke und das Weichei gleichermaßen als vollendete Figuren begnadigt werden. Die Literatur reicht den Sinn nach, der uns nach vorne Lebenden nicht erkennbar ist.

Ich habe mich bei all dem gefragt, was es bedeutet, dass das erste Wort meines Neffen Fiete nicht Mama oder Papa, sondern Barcode war. So jedenfalls bezeugen es die Eltern, oder jedenfalls war Barcode das erste Wort außerhalb des innigen Kleinkindbereichs von Mama, Papa, Teddy, Brei. Danach kam nicht etwa Auto, Tatü oder Wau, nein: Barcode.

Ich sehe meinen Bruder, Fietes Vater, nur selten, weil er im Süden wohnt, deswegen weiß ich nicht, ob er vielleicht, anders als er es immer behauptet, doch so konsumgeil ist, dass er die Tage mit seinem Sohn in Kaufhäusern verbringt und der jetzt Zweijährige dort unweigerlich auf dieses Wort gestoßen ist. Denn, Sie wissen es, Barcodes sind diese Strichsymbole, aus deren Linien sich mithilfe eines Scanners alle Daten der Welt lesen lassen, zumindest aber der Preis einer Ware. Sie finden sich auf jedem Produkt, und auch mit dem iPhone kann man sie lesen und sich anzeigen lassen, dass es die Milch oder den MP3-Player im Internet viel billiger gibt. Aber natürlich besitzt Fiete kein iPhone und meines Wissens auch keinen Scanner, wobei er, als er neulich in Hamburg zu Besuch war, sich nicht mehr von einer Kinderkasse mit Plastikscanner und Piepgeräusch wegbewegen wollte, die meinem Sohn Paul gehört, der bis heute nicht weiß, was ein Barcode ist.

Warum bloß ist das bei Fiete anders? Wenn der eine Schokolade sieht, sagt er nicht Schoko oder Lade oder fängt an zu essen, nein er Weiterlesen »

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Wenn achtjährige Jungs auf Kondomautomaten stoßen,
helfen am Ende nur die Vertreter des Vatikans

Keine Ahnung, wie Sie das sehen, aber ich bin ein großer Anhänger der Aufklärung. Schließlich soll der Mensch nicht dumm durchs Leben gehen, sondern klug werden. Dazu hilft nicht nur das Wissen um unser Sterben, wie es uns Psalm 90 lehrt, sondern auch eine gewisse Alltagskenntnis, etwa zum Thema Sex.

Als ich kürzlich (vor der aktuellen Klimakatastrophe) mit meinem achtjährigen Sohn eine Toilette an der Ostsee aufsuchte, stießen wir auf einen Kondomautomaten, und mein Sohn blickte interessiert auf das Gerät und das darauf klebende Foto einer nackt und rittlings knienden Blondine und fragte, was das sei und was die da mache.

Ich bin Befürworter der situativen Spontanaufklärung, und also setzte ich vor dem vergilbten Handwaschbecken zu einem kleinen Vortrag über Liebe, Kinderentstehung und Kinderverhinderung an. Gerade arbeitete ich mich zum Thema körperliche Vereinigung vor, als ich bemerkte, dass mein Sohn sich, offenbar zu Tode gelangweilt, längst verdünnisiert hatte und schon wieder am Strand mit seinem Bruder Fußball spielte. Ich stand etwas düpiert da und nahm mir vor, mich beim nächsten mysteriösen Automaten kürzer zu fassen.

Seit vergangenen Mittwoch weiß ich, wie ich das Thema in zwei Sätzen komplett erledigen kann. Weiterlesen »

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Dunkelesser

Ich weiß nicht, ob es Ihnen aufgefallen ist, aber es wird jetzt früher dunkel. Bei uns gibt es einen Kollegen, der behauptet sogar, es werde früher dunkel als früher. Also nicht früher als vor Ende der Sommerzeit, sondern früher als in vergangenen Jahrzehnten. Er meint tatsächlich eine schleichende Verdunklung der Welt auszumachen, was andere, zutiefst bösartige Kollegen mit dem Hinweis konterten, es könne sich auch um eine subjektive Verdunklung durch persönliche Umnachtung handeln.

Viel mehr zu denken gab mir allerdings ein Gespräch zweier Kolleginnen, das ich kürzlich in der Kopierküche der Hamburger WELT-Redaktion (dort stehen neben Kopierern und Faxgeräten auch Kaffeemaschinen und so Zeugs) belauschte. Wohlgemerkt: unwillentlich belauschte – denn tatsächlich hätte ich mir die Besorgnis gerne erspart, die das Gespräch in mir hinterließ.

Sehr beeindruckt berichtete die eine Kollegin der anderen von einer neuen, wissenschaftlich überprüften Erkenntnis, dass sich mehrere Zehntausend Menschen seit einigen Jahrzehnten von Licht ernährten. Sie tränken nichts und äßen nichts und lebten ausschließlich von Lichtstrahlen. Es läuft wohl gerade ein Kinofilm, der von Licht essenden Yogis und Swamis handelt, und wie man hört, sehen viele der begeisterten Zuschauer so aus, als nähmen auch sie jeden Tag nichts als zwei Gläschen Osram-Saft zu sich.

Nun leben wir in einem freien Land, und jeder kann essen, was er will. Allerdings wirft die Lichtesserei doch einige Fragen auf. Weiterlesen »

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Mysteriös ist das allemal. Vor allem aber ist es: saukomisch. Wer beim NDR hat wohl Hamburgs mächtigsten CDU-Mann Frank Schira, immerhin in Personalunion Chef der Landespartei und der Bürgerschaftsfraktion, so bloßstellen wollen – und dabei so großen Erfolg gehabt? Im Hamburger Rathaus hat ein NDR-TV-Reporter Schira offenbar um ein Statement zum Tode von Hamburgs Ehrenbürgerin Loki Schmidt gebeten. Der brabbelt zunächst munter drauf los, würdigt die verstorbene Naturschützerin als “Begrifflichkeit”, der er, und die CDU, ein “ehrenvolles Gedenken anheim stellen” wollen.

Immerhin merkt Schira schließlich selbst, dass es “alles Quatsch” ist, “was ich da gesagt habe”. Deswegen will er “nochmal machen”. Schuld an Schiras wirrer Rede ist aber seines Erachtens nicht etwa er selbst, sondern der Reporter.  “Sie müssen mir mal ne Frage stellen, näch, dann bekomm ich das n bisschen mehr drauf”, raunzt er den Medienmenschen an – und wedelt dabei wütend mit dem Zeigefinger.

Ob das nun nochmal gemacht wurde oder nicht – irgendein für Komik empfänglicher NDR-Mensch muss diese Tollpatscherei in die Mediathek des NDR gestellt haben, jedenfalls kurzfristig (mittlerweile ist das Filmchen wieder rausgeflogen aus der öffentlich-rechtlichen Verwertungskette). Bevor das Video wieder verschwand, wurde es aber offenbar mit einer Handkamera (oder mit einem Handy?) von einem Monitor abgefilmt – und kursiert nun im Netz.

“Alles Quatsch, was ich da gesagt habe” hat dabei das Zeug zum Hit. Vielleicht wird irgendein Rapper es ja demnächst mit Musik unterlegen. Und dann singen alle den Schira-Rap: “Hey, brother, Du musst mir mal ne Frage stellen. Yo, dann bekomm ichs besser drauf.”

Wie lange es wohl dauert, bis der NDR zu dieser kleinen Miesfiesigkeit eine Stellungnahme abgeben muss?

Get the Flash Player to see the wordTube Media Player.

 

Nachtrag 28.10.: Mittlerweile haben NDR und Frank Schira versucht, ihren gemeinsamen Fauxpas zu vertuschen – indem sie auf youtube alle davon kursierenden Videos löschen lassen haben. Kein Wunder. Denn für Schira ist das Video peinlich, weil es zeigt, dass er eigene Fehler offenbar gerne andern ankreidet. Und der NDR hat damit, dass dieses Filmchen in der vergangenen Woche offenbar sogar einmal ausgestrahlt wurde, gezeigt, dass er gelegentlich gern mal Müll sendet. Gebührenfinanzierten Müll. Naiv sind NDR und Schira im Duett, wenn sie glauben, dieses Video würde nunmehr auf öffentlich-rechtliches (und) CDU-Geheiß aus der Realität verschwinden (immerhin ist ja auch der Landespolitik-Chef des NDR in Hamburg, Jürgen Heuer, CDU-Mitglied). Aber unabhängig davon: Dieses Video ist viel zu schön, um es von NDR-CDU-Schira schnöde löschen zu lassen. Oder?

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