Glosse

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Meine Söhne müssen jetzt in die Partei. Sonst wird in Hamburg nichts aus ihnen.

„So Jungs“, sage ich, „ihr tretet jetzt in die SPD ein.“
„Was ist denn die SPD?“, fragt Paul. „Ich bin doch schon im NTSV.“

Der NTSV ist ein Sportverein und mein sechsjähriger Sohn ein ziemlich unpolitischer Mensch.

„Die SPD ist eine Partei“, sage ich, „so was wie eine Firma. Sie wird in Hamburg wieder für 40 Jahre alles bestimmen, also bis 2051, und wenn ihr außer Freizeitkicker etwas werden wollt, wenn ihr groß seid, müsst ihr da jetzt mitmachen.“

Dann erzähle ich von früher, vor 2001, als in Hamburg die Chefs aller Energieunternehmen und die von Hochbahn und Arbeitsamt in der SPD waren, außerdem fast alle Präsidenten der Gerichte, der Vorstand der Hafenfirma HHLA, der Friedhofs-, der Gewerkschafts- und der Polizeichef und sogar der von Lotto.

„Echt jetzt, Lotto?“, fragt Pauls zehnjähriger Bruder Max. „Haben dann die Leute von der SPD immer die vielen Millionen gewonnen?“

„Kann sein“, sage ich und muss grinsen, weil mir der Gouverneur des mexikanischen Veracruz einfällt, den ich Weiterlesen »

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Nein, ihm ist noch nie etwas zugeflogen, weder die Gunst der Massen noch die Herzen der Genossen. Immer muss er sich alles erarbeiten, nächtelang Akten wälzen und monatelang Strippen ziehen, sich schlauer machen und besser vernetzen als alle anderen zusammen. Aber das kann er. So ist er einst Generalsekretär und Minister geworden und 2011 Hamburger Bürgermeister. Und mit dieser Technik wird 2012 das beste Jahr im Leben des Olaf Scholz.

Es beginnt damit, dass die Baufirma Hochtief Ende Januar mitteilt, dass die Elbphilharmonie billiger wird. Außerdem werde man früher fertig. Natürlich hat Scholz dem Unternehmen diese Zusagen in nächtelangen Geheimverhandlungen abgerungen, über Details wird Stillschweigen vereinbart.

Etwa zeitgleich schwimmen die Bagger. Nachdem die Nachbarländer zugestimmt haben, beginnt die Elbvertiefung. Die Naturschutzverbände verzichten auf eine Klage. Nach einer neuen, vom Senat bezahlten Studie, ist das Ausbaggern der Elbe nämlich ein grundlegender Vorteil für Flora, Fauna und Habitat. Resümee der renommierten Gutachter: „Wenn der Fluss tiefer ist, passen ja auch mehr Fische rein.“

Vom März an brummt der Wohnungsbau. Die Firma Hochtief bekommt einen Milliardenauftrag zum Bau einer City West in Teilen des Volksparks. Die ersten der 12.000 Wohnungen sollen Ende des Jahres fertig sein, so Hochtief – vorausgesetzt, Generalplaner Herzog & de Meuron komme rechtzeitig mit den Plänen für die in alle Bäder einzubauenden Jacuzzis rüber.

Im Juli verkleinert Scholz die Regierung auf zwei Senatoren: sich selbst und eine Senatorin für Gedöns, die sich Weiterlesen »

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Gemeinsame Desinteressen und gelegentliche Suchspiele in der Küche gehören zu jeder guten Ehe.

Hamburger sind die glücklichsten Deutschen mit den dümmsten Kindern. Das ist, grob zusammengefasst, das Ergebnis zweier jüngerer Vergleichsstudien zu Zufriedenheit und Bildungssystem. Insofern stimmt womöglich, dass Dummheit glücklich macht. In einem Woody-Allen-Film, ich habe vergessen, in welchem, fragt Allen ein glückliches Paar auf der Straße nach dem Geheimnis seiner Zufriedenheit, und die Antwort lautet: „Wir sind beide total oberflächlich und interessieren uns für gar nichts.“ Unter paartherapeutischen Gesichtspunkten ist es sicher ein Vorteil, wenn sich Partner für dieselben Dinge interessieren (in diesem Fall beide für nichts). Andererseits kann es eine Ehe auch in Schwung halten, wenn die Gatten unterschiedlichen Hobbys nachgehen, solange man seinen Partner gelegentlich teilhaben lässt.

Meine Frau zum Beispiel spielt Tennis und Verstecken. Ersteres mit Freundinnen, Zweiteres mit mir. Etwa alle drei Tage erscheint es ihr zu langweilig, dass Teller oder Becher noch da stehen, wo sie schon gestern standen. Also räumt sie um und platziert alles viel effizienter als zuvor. Ich habe nichts gegen die Optimierung der Welt, werde aber gerne zeitnah über zivilisatorische Fortschritte in meinem Umfeld informiert.

Kürzlich kam ich mit Besuch nach Hause (meine Frau war beim Tennis) und versprach einen Weiterlesen »

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Auch große Sprücheklopfer fangen klein an. Und stehen dafür früh auf.

Der Schulweg ist bei uns neuerdings eine Übungsstrecke, auf der meine Söhne sich sprachlich und intellektuell erproben. Derzeit arbeiten sie an der Kunst der Beleidigung.

„Du bist zu blöd, um alleine aus dem Bus zu winken“, sagt Max zu seinem kleinen Bruder, als wir uns zu Fuß auf den frühnebligen Kilometer zur Lehranstalt machen.
„Vielen Dank, auch im Namen meiner Eltern“, antwortet Paul.
„Zähl doch mal bis zehn, ich brauch ne Stunde Ruhe.“
„Du triffst nicht mal das Wasser, wenn du ausm Boot fällst.“

Wir gehen über die Hauptstraße, leichtes Unterfangen, weil wie üblich alle im Stau stehen.

„Stau ist scheiße“, sagt Paul. „Außer man steht vorne.“
„Moment“, sage ich. „Keine solchen Wörter!“
“Schrei mich nicht an, ich bin ein Wunschkind.”

Irgendwann wird mir klar, woher die Brise haucht. Sie haben mir das Sprücheklopper-Buch „Niveau ist keine Hautcreme“ geklaut.

„Du bist so hohl wie ein Geländewagen-in-der-Stadt-Fahrer!“

Ich verdrehe die Augen gen Hochnebel, aber keiner beachtet mich.
Endlich. Schulhof in Sichtweite.

„Wir würden gerne gehen, aber wir müssen leider los. Bis später, Peter. Hau rein, Kapelle.“

Sie gicksen und gacksen, und ich müsste womöglich Weiterlesen »

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Die Hamburger Grünen wollen eine „Ehe light“ einführen.
Es gibt sehr viele sehr gute Gründe dafür.

„Viele Menschen müssen mit ihrer Enttäuschung leben“, hat Al Bundy mal gesagt. „Aber ich muss mit meiner schlafen.“ Al Bundy, Sie wissen schon, das ist dieser erfolg- und ehrgeizlose Schuhverkäufer aus der 90er-Jahre-US-Serie „Eine schrecklich nette Familie“, den seine Ehe mit der dämlichen Kettenraucherin Peg zum Zyniker gemacht hat. Nichts hasst er mehr als den periodischen Zwang, seine ehelichen Pflichten zu erfüllen.

Na klar, aus allgemeinem Lebensleid und nicht genossener Sexualität entstehen die prächtigsten römischen Religionen und die besten Sprüche. Aber das muss ja nicht sein, finden die Hamburger Grünen.

Die Grünen sind ja im Grunde das genaue Gegenteil von Al Bundy: Niemals zynisch, immer gut und gütig, sie lieben Wald, Wolken, Butterblumen und kluge Gespräche, sie sind menschlich und erfolgreich und akademisch und gerecht und tolerant, und bei all dem haben sie natürlich den besten Einblick in die wahren Verhältnisse und tiefsten Realitäten des irdischen Daseins. Deswegen wissen sie um die unerträgliche Weiterlesen »

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Hamburgs Bürgermeister Olaf  Scholz will, dass wir näher zusammenrücken. Ich mache da nicht mit.

Unser Bürgermeister hat behauptet, je enger die Menschen zusammenlebten, umso kreativer und einfallsreicher würden sie, aber das stimmt nicht. Als ich kürzlich Pauls Größe-33-Füße im Gesicht hatte, fiel mir überhaupt nichts ein. Paul ist mein sechsjähriger Sohn, und es muss zwischen drei Uhr nachts und der dritten REM-Phase gewesen sein. Von links presste Pauls Bruder Max mir ein Knie in den Rücken, von oben wärmten Hundi und Hasi mir den Schädel, irgendwo hinter dem mannslangen Eisbären grummelte meine Frau, während mehrere Lego-Darth-Vaders und Klonkrieger, ein Schwert und ein Donald-Heft sich um meine Füße gruppierten.

So ein von Kindern gestürmtes Ehebett ist ja quasi das Versuchsfeld für das, was Olaf Scholz neuerdings als das Laboratorium der Moderne preist: die große, die enge, die verdichtete Stadt, kurz: die Big City, in der die Menschen eine neue Nähe leben und daher klug und kreativ und erfinderisch werden. Das ist des Bürgermeisters (von einem amerikanischen Professor geliehene) Theorie, aber ich bin kein großer Theoretiker und halte rein praktisch viel von einer gewissen Bewegungsfreiheit und absolut nichts von Füßen auf meiner Nase. Außerdem schlafe ich gern und zitiere mit Vorliebe einen Satz aus dem Jarmusch-Film „Mystery Train“, in dem eine junge Japanerin sagt: „Das Schlimme am Tod ist, dass man danach Weiterlesen »

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Schön war der Urlaub im Süden. Die Rückkehr nach Hamburg ist eine Rückkehr in die klatschnasse Dauer-Erregung.

Meistens bin ich Extremist, was soll’s? In Wahrheit sind wir doch alle Extremisten, erregen und empören uns ständig über alles bis zum Fastinfarkt, hetzen von einer Hysterie in die nächste, hyperventilieren uns von Tag zu Tag, von Klimakatastrophe über Finanzkrise nach Fukushima und dann über EHEC, Euro und Börsencrash zu Rezession, Revolte und der Rage über den Regensommer. Nicht zu vergessen die Riesenblondine in der Alster, nie dagewesener Skandal.

Unterlegt ist die Dauererregung mit einem pausenlosen Gesabbel im Subraum. Bei Facebook, Twitter, Google plus, in Radio, Fernsehen, Magazinen ist längst gesendet, gedruckt und analysiert, was wir von Geburt an wissen: Das Ende ist nah. Genaueres weiß man nicht, denn selbst Meteorologen können maximal fünf Tage in die regnerische Zukunft sehen und Wirtschaftsexperten im Höchstfall fünf Minuten, wie die Erfahrung lehrt – und selbst das nur ceteris paribus, also unter Laborbedingungen, die es auf dieser Welt nicht gibt. Nur eines ist sicher: Irgendwann bläht sich die Sonne zum Riesen und schluckt uns mit einem roten Rülpser.

Was aber sollen wir bis dahin tun? Ganz einfach: Bis dahin reden und schreiben wir vom Ende. Denn der Untergang verkauft sich gut, und von irgendwas muss man ja leben, bevor man stirbt. Katastrophe, Leid und Todesangst sichern uns beinahe soviel Aufmerksamkeit wie die hypersexualisierte PR-Windmaschine der angeblich dauerfeuchten, (geld)geilen Schoßgebietsschreiberin. Nur Sex und Tod, nichts anderes treibt uns an, Onkel Sigmund lässt grüßen. Ob die multimediale Überreizung von Angst- und Gier- und Lustzentren Weiterlesen »

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Das erste Noten-Zeugnis meines Sohnes hat mir keine Sorgen bereitet. Was danach kam, schon.

Ich weiß, man soll seine Kinder nicht anlügen, aber man muss ihnen auch nicht alles erzählen. Außerdem ist es schon ein paar Sommer her, dass ich die dritte Klasse besucht habe, da muss ich mich wohl nicht an alle Noten erinnern – auch wenn mein Sohn Max das jetzt gern gehabt hätte. Er hat ein erschütternd gutes Zeugnis bekommen, sein erstes mit Noten. Prompt will er sich mit mir messen und fragt, ob ich auch soundso viel Einsen hatte, dabei liegt mir Angeberei nur ausnahmsweise.

„Klar“, sage ich betont cool. „Mindestens so viele. Eher mehr.“
„Zeig mal dein Zeugnis aus der dritten Klasse.“
„Hab ich weggeschmissen.“
„Papa, seit wann schmeißt man denn Zeugnisse weg?“
„Ich hatte so viele Eins-A-Zeugnisse im Leben, die passten einfach nicht mehr in die Umzugskisten.“
„Schon klar, Papa.“

Als wenn es nicht reichen würde, dass ich beim Fußball hin und wieder noch gewinne. Oder beim Pokern um sein Taschengeld. Muss ich meine Autorität jetzt aus meinen Grundschulnoten beziehen? Metaphysisch betrachtet sind Noten doch völlig unwichtig. Es kommt auf andere Werte an: Güte und Friedfertigkeit, meinetwegen. Doch nicht auf Noten!

Zur Belohnung für sein Zeugnis hat meine Frau dem Nachwuchs-Einstein eine Waffe gekauft Weiterlesen »

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Es gibt zu viele Angstmacher. Deswegen konzentrieren wir uns auf eine Panik zur Zeit.

Ich gebe zu, ich gehöre nicht zu den Abwieglern. Egal, ob es um Salatgurken oder Terroristen geht, ich neige zur Vorsicht. Man streitet ja auch in Hamburg gerne darüber, ob der Deutsche an sich ein Hysteriker ist, der nach jedem kleinen Unfall ganze Technologien aufgibt und wegen ein bisschen Durchfall nie wieder Gemüse isst (sondern lieber an Vitaminmangel stirbt). Wir haben in der Redaktion diskutiert, wie wir mit der EHEC-Krise zu verfahren hätten und ob die Deutschen unter einer kollektiven Angststörung leiden. Einige Kollegen warnten vor Panikmache und betonten, jede Grippewelle töte mehr Menschen als EHEC.

Als Fukushima explodiert war, flog ich für ein paar Tage mit meinem Sohn nach London. Wir wohnten in einem kleinen Hotel, in dem man nur BBC sehen konnte, und ich bekam schnell den Eindruck, dass die Deutschen Weiterlesen »

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Ein harmonisches Familienleben bedarf vor allem einer guten Organisation. Möglicherweise gibt es jetzt eine Formel dafür. Falls die nicht funktionieren sollte, empfehlen wir ein Lied.

Gesetzt den Fall, Sie haben ein bis viele Kinder, und beide Eltern arbeiten, dann wissen Sie, dass Sie genau zwei Dinge zum Überleben brauchen: eine perfekte Organisation – und tiefste Gelassenheit angesichts der Erkenntnis, dass das Chaos am Ende immer siegt. Vielleicht hilft es ein wenig, seine Nachkommen durchzunummerieren, wie es ein Facebook-Freund tut, der seine Kinder jetzt K1, K2 und K3 nennt. Er behauptet zwar, er wolle bloß ihre Namen im Internet schützen, aber es steckt sicher etwas anderes dahinter: Er hat eine Formel gefunden, mit der er das Leben perfekt organisiert. Und in Formeln heißen Variablen nicht Max oder Sarah, sondern X oder K. Seine Frau nennt er vermutlich F, wobei ich nicht weiß, ob eine Nummernbeifügung in diesem Fall nötig ist, er kommt aus Altona und nicht aus Abbottabad.

Der dort kürzlich verstorbene Osama brauchte sicher F-Nummern, auch wenn ich wegen der verwirrenden Nachrichten nicht begreife, welche seiner Frauen ihn verriet und welche die Soldaten mit einem Schuh angriff oder was nun. Auch weiß ich nicht, wie ich die Schlagzeile „Unbewaffneter Bin Laden wehrte sich gegen Soldaten“ deuten soll. Vermutlich zeigte er dem Spezialkommando einen gefährlichen Stinkefinger oder bewarf es mit der zerknüllten Burka der Verräterin. Weiterlesen »

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