Die Bundes-CDU weigert sich derzeit strikt, über politische Inhalte zu streiten. Anders gesagt: Sie verweigert den Wahlkampf. Erfunden wurde dieses Konzept in Hamburg. Bürgermeister Ole von Beust hat die CDU mit der radikalen Entpolitisierung der Politik in der Hansestadt zu beeindruckenden Erfolgen geführt. Nun eifert Angela Merkel ihm nach.
Tun wir mal kurz so, als wäre Politik in der Demokratie so etwas wie eine Auseinandersetzung unterschiedlicher Parteien um die besseren Konzepte zur Lösung gesellschaftlicher Probleme und zum Ausgleich von Interessengegensätzen. Es handelt sich ja nur um eine These. Wenn Politik also mit Inhalten zu tun hätte, was täte dann Ole von Beust?
Der Hamburger Bürgermeister ist 2004 mit dem Wahlslogan „Michel, Alster, Ole“ angetreten. Der Michel ist eine ältere Kirche in Hamburg, die Alster ist ein mitten in der Stadt zu einem Pseudo-See aufgestautes Flüsschen, und Ole ist, solange akzentfrei geschrieben, ein zweisilbiger Vorname, andernfalls ein iberischer Ausruf, den man mit schwarzäugigen Männern verbindet, die gerade einen müden Stier erdolcht haben. Kirche, Flüsschen, Vorname. Ein knackiges politisches Programm. (weiterlesen…)
Entschuldigen Sie bitte, aber: Was tun Sie gerade? Nicht dass Sie das verraten müssten. Aber Sie dürfen, vielleicht wollen Sie sogar. Immerhin lassen mittlerweile Millionen Menschen die Welt freiwillig live an dem teilhaben, was sie gerade tun, denken oder fühlen. Auf Netzwerken wie Facebook oder Twitter veröffentlichen sie (ich auch) im Internet unentwegt, was sie umtreibt. “Bin müde”, “Trinke Kaffee in Honolulu” oder “Ärgere mich über den Chef”, lassen sie ihre Freunde wissen – und oft stellen sie auch noch ein meist mit dem Handy geknipstes Foto dazu, das sie bei erwähnter Tätigkeit zeigt (oder den Chef in ungünstiger Pose). “What are you doing?”, fragt einen Twitter. Ich veröffentliche in diesem Moment die Antwort: “Schreibe eine Kolumne und weiß nicht weiter.” (Kontrollieren Sie das ruhig unter www.twitter.com/jmwell).
Das ist toll, denn jetzt wissen meine Freunde um meine Schreibblockade, und vielleicht ist gerade einer in Paraguay oder Niedersachsen online und schickt mir ein paar aufmunternde Worte.
Es war Claus Strunz, der als erster prominenter deutscher Journalist aussprach, was viele Kollegen in unserer bedrohten Zunft denken und fühlen. Bei der Verleihung der „Lead Awards“ im Frühjahr forderte der Chefredakteur des „Hamburger Abendblattes“ von den Verlagsmanagern, endlich Ideen für neue Geschäftsmodelle vorzulegen, um den Qualitätsjournalismus auch online profitabel zu gestalten. „Wir Journalisten haben in den vergangenen Jahren mühsam unsere Lektionen in Sachen Online gelernt und machen heute weithin gute Angebote“, sagte Strunz laut Kress. „Was haben währenddessen die Verlagskaufleute getan, außer auf Podien zu erzählen, damit lasse sich kein Geld verdienen?“ Es sei nicht an den Journalisten, diese Zukunftsfrage zu beantworten.
Tatsächlich haben viele Verlagsführungen ja außer Achselzucken zur Diskussion um die überlebenswichtige Frage nach der Finanzierung von Qualitätsjournalismus bisher nur wenig beigetragen. Zu wenig. Sie haben die Strategie verfolgt, das Wertvollste, das sie haben, zu verschenken: die Arbeit ihrer Journalisten.
Die Arbeit von Journalisten ist mehr wert als nichts
Journalistinnen und Journalisten dagegen haben sich seit Jahren den Veränderungen gestellt. (weiterlesen…)